Die Flora des Chiemgau richtet sich an eine breite Öffentlichkeit und soll die Vielfalt und Schönheit, aber auch die Bedrohung der heimischen Flora sichtbarer machen. Wir möchten damit den interessierten Laien wie die Wissenschaft gleichermaßen anzusprechen. Nach einem Jahrzehnt Datenerhebung startet ein erser Internetauftritt im Frühjahr 2011 mit ausgewählten Pflanzengruppen und wird in den folgenden Monaten und Jahren Schritt für Schritt vervollständigt werden. Unser Ziel ist ein möglichst kompletter Überblick über die wildwachsenden Pflanzenvorkommen in den Chiemgauer Alpen und ihren angrenzenden Gebieten. Die Realisierung als Web-Auftritt hat sicherlich den Vorteil, dass bereits Zwischenstände für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht und neue Erkenntnisse problemlos integriert werden können. Für die weitere Zukunft ist eine zusätzliche gedruckte Ausgabe der Flora des Chiemgau denkbar. Über Rückmeldungen und Anregungen unserer Besucher freuen wir uns sehr!

Grassau, im März 2011: Dipl.-Biol. Stefan Kattari

Was ist eine Flora?

Flora ist eine Bezeichnung für alle Pflanzen (und Pilze), die in einem Gebiet vorkommen. Als Floren werden auch Bücher oder - in neuerer Zeit - Internetpräsenzen bezeichnet, die diese Artenvielfalt erfassen, dokumentieren und zugänglich machen. Oftmals kann eine erste Einordnung, vielleicht sogar die Bestimmung bis auf die Artebene hinab durch Vergleich mit Fotografien oder Zeichnungen in entsprechenden Bildbestimmungsbüchern erfolgen. Zeichnungen haben dabei den Vorteil, dass sie die gesamte Pflanze einschließlich ihrer Wurzeln darstellen können und ggf. auf relevante Merkmale hinweisen. Fotografien sind dagegen "naturgetreuer" und für den ungeübten Beobachter leichter zugänglich.

Wird eine unzweifelhafte Einordnung der Pflanze benötigt oder erweisen sich Abbildungen als nicht geeignet, eine Art sicher anzusprechen, ist der Gebrauch eines Bestimmungschlüssels nötig. In der Regel sind solche Schlüssel dichotom aufgebaut, d.h. an jedem einzelnen Punkt des Bestimmungsvorgangs hat sich der Bestimmer zwischen zwei Alternativen zu entscheiden. Die jeweils gewählte führt zum nächten Punkt, bis eine Art erreicht ist. Der Gebrauch verlangt Übung, die allerdings recht rasch erlangt werden kann. Eine Alternative stellen sog. multi-access-keys dar, also Schlüssel, die Merkmale nicht nacheinander abfragen, sondern die gleichzeitige Eingabe mehrerer Merkmale erlauben und auf diese Weise die in Frage kommenden Arten eingrenzen. Zudem kann ein fehlendes Merkmal umgangen und eine Artgruppe beispielsweise auch ohne das Vorhandensein von Blüten eingegrenzt werden. Online-Bestimmungshilfen sind vielfach nach diesem Prinzip aufgebaut.

Pflanzen dokumentieren

Der Großteil unserer Daten basiert auf der eigenen Beobachtung von Pflanzenvorkommen in freier Natur. Zu einer nachhaltigen Dokumentation gehören folgende Angaben, je exakter umso besser:

  • Datum
  • Fundort: Koordinaten, Flurname, Gemeinde- und Landkreiszugehörigkeit, im Gebirge auch Höhenangabe
  • Lebensraum: ggf. Begleitflora oder Bodenbeschaffenheit
  • Artnamen
  • Name der dokumentierenden Person

Wir erfassen die Vegetation im Chiemgau seit Jahren anhand einer eigens ausgearbeiteten Geländeliste, in der die Namen vorgegeben sind und nur noch markiert werden müssen. Zum Download der pdf-Datei klicken Sie bitte hier. Diese Art der Dokumentation setzt gute floristische Kenntnisse des Bearbeiters voraus. Fehler lassen sich im Nachhinein schwer erkennen und beheben. In kritischen Gruppen (beispielsweise bei gelb blühenden Korbblütlern) empfiehlt sich daher oft eine zusätzliche Fotografie, die eine spätere Betrachtung erlaubt.

Am meisten Information birgt die Anfertigung von Herbarbelegen, sie ist aber auch die aufwendigste Methode. Pflanzen oder Pflanzenteile werden gepresst getrocknet und damit beinahe unbegrenzt haltbar. Als Herbarbeleg erlauben sie nachfolgenden Forschergenerationen, Pflanzen auf bislang unbeachtete Merkmale hin zu untersuchen. Ein Großteil der Pflanzenarten wurde anhand von Herbarbelegen beschrieben und manche Artnamen beziehen sich explizit auf Eigenschaften beim Trocknen. Bei Salix nigricans (Synonym von S. myrsinifolia) beispielsweise, der Schwarzwerdenden Weide, verfärben sich die Blätter beim Trocknen dunkel. Wer nur lebende Pflanzen vor Augen hat, wird diesen Namen vermutlich nicht sinnvoll verstehen.

Auch bei Herbarbelegen gilt: je exakter der Fundort dokumentiert wird, um so wertvoller ist der Beleg für die Wissenschaft. Der Artname allein erlaubt zwar Vergleiche mit anderen Pflanzen, aber keinerlei Rückschlüsse auf die Ökologie oder das Verbreitungsgebiet einer Pflanze. Gesetzlich geschützte Pflanzen sind übrigens auch vor dem "Pflücken für die Wissenschaft" geschützt. In den meisten Fällen erweist sich für sie eine Fotodokumentation als völlig ausreichend.

Wissenschaftliche Pflanzennamen

Obwohl sich diese Flora an eine breite Öffentlichkeit richtet, verzichten wir nicht auf die wissenschaftlichen Artnamen und räumen den deutschen Namen nur einen untergeordneten Stellenwert ein. Wissenschaftliche Namen erlauben eine Exaktheit, die die umgangssprachlichen Namen nicht bieten können, da jeder Name nur ein einziges Mal vergeben werden darf und damit eindeutig ist. Deutsche Namen sind das oftmals nicht. Butterblume oder Kuckucksblume heißen jeweils eine ganze Reihe gelb bzw. violett blühender Arten, die nicht miteinander verwandt sind. Darüber hinaus sind die Namen in unterschiedlichen Regionen in verschiedenen Bedeutungen gebraucht - wissenschaftliche Namen sind weltweit verständlich.

Ein wissenschaftlicher Name besteht aus Gattungs- und Artname und dem oder den Autoren. Beispiel: Teucrium chamaedrys L. Der Gattungsname (Teucrium) wird stets groß geschrieben, das Artepitheton (chamaedrys) klein.