Schuppenwurz / Lathraea squamaria

Bleiche Gestalten schieben sich im zeitigen Frühjahr durch das alte Herbstlaub ans Licht, leicht nach vorn gekrümmt, der Rücken mit Schuppen bedeckt. Es sind ungewöhnliche Pflanzen, und von den schuppenförmigen, bleichen Blättern trägt die Schuppenwurz ihren Namen. Nur ein paar Wochen im Jahr ist sie zu sehen, lange vor dem Blattaustrieb der Laubbäume, auf deren Wurzel sie schmarotzt. Sind die Samen reif, verwelken die Fruchtstände schnell wieder. Laubblätter hat die Schuppenwurz keine, die Photosynthese erledigen die Wirtsbäume für sie. Die Pflanzen wachsen im Auwald und an Berghängen auf verschiedenen Laubbäumen, und wer sie findet, darf sich ein bisschen glücklich schätzen, denn häufig ist sie nicht.

Die Schuppenwurz (Lathraea squamaria) blüht Ende März / Anfang April, noch bevor die Laubbäume Blätter bekommen.

Winter-Schachtelhalm / Equisetum hyemale

Winter-Schachtelhalm (Equisetum hyemale)

Schachtelhalme zählen zu den „urzeitlichen“ Gefäßpflanzen. Sie vermehren sich wie Farne und Bärlappe über Sporen und bilden keine Blüten aus. „Urzeitlich“ kann sich aber nur auf die Verwandtschaft beziehen, die schon zu Zeiten der Dinosaurier wuchs und mit ihrer Biomasse die viele hundert Millionen Jahre alten Steinkohlelagerstätten mit aufbauten. Faszinierend ist jedenfalls, dass sich die Schachtelhalme ihr Aussehen über die Jahrmillionen erhalten haben, obwohl sich um sie herum die Lebensbedingungen mächtig verändert haben.

Die Sprossabschnitte scheinen bei den Schachtelhalmen ineinander zu stecken, ineinander geschachtelt zu sein. Photosynthese betreiben alle Arten – in Bayern gibt es immerhin neun – mit ihren Stängeln. Die Blätter sind dagegen zu kleinen Schuppen reduziert. Als eine der wenigen Arten bleibt der Winter-Schachtelhalm den ganzen namensgebenden Winter über grün und damit sichtbar. Er wächst oft in der Nähe von Gewässern unter Bäumen und kann über unterirdische Ausläufer dichte Bestände bilden.

Gelbstern / Gagea lutea

Gelbstern (Gagea lutea)

Vielerorts im Chiemgau blüht der Gelbstern im zeitigen Frühjahr. Sein angestammter Lebensraum sind Laubwälder, wo er auch heute noch anzutreffen ist. Viel häufiger aber kann man ihn auf den Obstangern im Alpenvorland oder in den Alpentälern entdecken. Er wächst dann oft in größeren Mengen direkt unter den Obstbäumen. Als Frühlingsgeophyt, so werden die frühblühenden Zwiebel- oder Knollenpflanzen bezeichnet, ist sein Lebenszyklus auf das Ausnutzen des Lichtangebots ausgerichtet. Der Gelbstern muss also schnell sein, denn wenn die Laubbäume austreiben, kommt nur noch sehr wenig Licht am Boden an. Die Streuobstwiesen sind da ein idealer Lebensraum.

Alpen-Krokus / Crocus albiflorus

Alpen-Krokus (Crocus albiflorus)

Wenige Pflanzen sind so sehr Symbol für den (Vor-)Frühling wie die Krokusse. Viele Arten lassen sich leicht im Garten pflanzen und sorgen dann für einen farbenfrohen Start in die Vegetationsperiode. Wenn Ihr Garten nicht gerade auf einer der Chiemgauer Almen liegt, werden Sie sich den Alpen-Krokus allerdings leider nicht ins Beet oder die Wiese holen können. Die Art gedeiht fast ausschließlich in höheren Lagen und oft dort, wo das Wasser bei der Schneeschmelze den Boden sättigt oder sogar an der Oberfläche stehen bleibt. Diese Bedingungen lassen sich im Tal oder im Alpenvorland nicht herstellen.

Auch nach der Blüte, die oft sogar auf den Almen schon Anfang April wieder vorbei sein kann, lassen sich Krokusse noch eine Zeit lang entdecken. Ihre grasartigen Blätter haben eine charakteristische weiße Mittelrippe. Man muss allerdings genau hinsehen, das gebe ich zu.

Der Alpenkrokus kann ganze Almwiesen mit seinen Blüten bedecken. Berühmt sind die Krokuswiesen am Samerberg im Westen der Chiemgauer Alpen. Dort blüht er in seinen zwei Farbvarianten weiß und lila. Im Achental in der Mitte der Chiemgauer Alpen kenne ich dagegen nur reinweiße Populationen. Warum dies so ist, lässt sich gegenwärtig nicht beantworten.

Huflattich / Tussilago farfara

Huflattich (Tussilago farfara)

Als eine der ersten Pflanzen blüht der Huflattich im Chiemgau. Im Spätwinter gibt es oft schon eine erste Reihe von schönen Sonnentagen, und wenn dann der Wuchsort noch dazu geschützt liegt und sich dadurch erwärmt, kann man Huflattichblüten manchmal schon Ende Februar sehen.

Er wächst überall dort, wo der Boden offen daliegt. Seine Samen, die ungefähr einen Monat nach der Blüte reif sind, verbreitet der Wind. Sie keimen, wo sie keine (oder wenigsten kaum) Konkurrenz durch andere Pflanzen haben. Der Huflattich ist damit eine Pionierpflanze, der neue Standorte vor den meisten anderen Arten besiedelt.

Inhaltsstoffen des Huflattich wird eine schleimlösende Wirkung nachgesagt (daher auch der wissenschaftliche Name; lat. tussis = Husten). Von einer Verwendung wird allerdings mittlerweile abgeraten, weil wild wachsende Planzen giftige Pyrrholizidin-Alkaloide enthalten.

Alpenrachen / Tozzia alpina

Alpenrachen (Tozzia alpina)

Dass der Alpenrachen (Tozzia alpina) parasitisch lebt, sieht man der Pflanze mit ihren grünen Blättern auf den ersten Blick gar nicht an. Genau genommen ist sie eine halbparasitische Art wie Augentrost oder Klappertopf, mit der Alpenrachen nahe verwandt ist. Die Art ist in den Chiemgauer Alpen recht selten (ich habe sie erst zweimal gefunden) und wächst stets zusammen mit großen Korbblütlern (Pestwurz-Arten oder Alpendost), auf denen sie schmarotzt.

Die Göttin des Regenbogens / Iris sibirica

Sibirische Schwertlilie (Iris sibirica) am Chiemsee-Südufer

Die Göttin des Regebogens war in der griechischen Mythologie Iris. Ihr Name ging auf die botanische Gattung der Schwertlilien über – wer die Blüte der Sibirischen Schwertlilie genau ansieht, versteht warum. Im Chiemgau kommt die Art auf feuchten Wiesen vor, mancherorts entlang der Tiroler Ache, vor allem aber rings um den Chiemsee und die anderen Seen. Sie steht allerdings nie mit den „Füßen“ im Wasser, eher an Stellen, die auch einmal austrocknen können. Im Frühsommer, Ende Mai blüht die Sibirische Schwertlilie. Mancherorts werden die Wiesen dann wirklich blau. Iris sibirica trägt ihren Namen nach der Hauptverbreitung im Norden Asiens. Die Standorte in Bayern am Alpenrand zählen schon zu den westlichen Vorposten.

1. Band „Orchideen“

Nach zwei Jahrzehnten systematischer Kartierung erscheint im Mai 2021 mit dem Band „Orchideen“ der erste Teil der Flora des Chiemgaus im kleinen, eigens dafür gegründeten Verlag Blauer Birnbaum. Der Band stellt auf 100 Seiten alle wildwachsenden Orchideen des Chiemgaus vor. Klimaneutral gedruckt auf Recyclingpapier. ISBN 978-3-949316-00-5, 12,90 Euro.

Niedrige Schwarzwurzel / Scorzonera humilis

Niedrige Schwarzwurzel (Scorzonera humilis)

Im Frühsommer tauchen auf einigen wenigen sehr mageren Feuchtwiesen oder Hangquellmooren im Chiemgau gelbe Blütenkörbe auf, die sich auf den ersten Blick kaum vom Löwenzahn unterscheiden. Auf den zweiten Blick werden dann die Unterschiede zum Löwenzahn sichtbar: ein weiß-flockig-behaarter Stängel, der noch dazu kleine Blätter trägt. Und die Laubblätter am Boden haben keinerlei Zähne. Es handelt sich um die sehr seltene Niedrige Schwarzwurzel (Scorzonera humilis). Die große Verwandtschaft Scorzonera hispanica ist übrigens das Speisegemüse.

Fieberklee / Menyanthes trifoliata

Fieberklee (Menyanthes trifoliata)

Klee, ja: Pflanzen, deren Blätter aus drei getrennten Teilblättchen zusammengesetzt sind, werden oft als „Klee“ bezeichnet, auch wenn die so benannten Arten gar nicht näher verwandt sind. Der Fieberklee (Menyanthes trifoliata) ist, grob vereinfacht, eher mit den Einzianen verwandt als mit den Schmetterlingsblütlern, zu denen der Wiesenklee gehört. Fieberklee wächst auf nassen, sauren und nährstoffarmen Standorten, oftmals halb im flachen Wasser untergetaucht.